Burtscher Simon: Der Wandel des Interdependenzmusters zwischen etablierten Einheimischen und zugewanderten Außenseitern in Vorarlberg

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„Der Wandel des Interdependenzmusters zwischen etablierten Einheimischen und zugewanderten Außenseitern in Vorarlberg”

Vorarlberg ist seit 130 Jahren ein Einwanderungsland. Die Integration der ab den 1960er Jahren aus Ex-Jugoslawien und der Türkei zugewanderten „Gastarbeiter“ und ihrer Nachkommen stellt eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft der Vorarlberger Gesellschaft dar. Der Vortrag wird die im Call for Papers aufgeworfenen Fragen anhand meiner Studie über Etablierungsprozesse von Außenseitern migrantischer Herkunft in Vorarlberg (Burtscher 2009) und der Arbeit der Projektstelle für Zuwanderung und Integration in Vorarlberg „okay. zusammen leben“ behandeln.

In einer Etablierten-Außenseiter-Figuration stehen verschiedene Bezugsgruppen mit bestimmten Unterscheidungsmerkmalen in Beziehung zueinander. Diese Beziehungsverflechtungen sind durch eine Machtdifferenz zwischen den Gruppen geprägt, wobei die Etablierten die machtstärkere Gruppe sind. Der Etablierungsbegriff soll zum Ausdruck bringen, dass es sich hier nicht um eine individuelle Leistung, sondern um einen Prozess im Kontext von Bezugsgruppen und Gruppenzugehörigkeiten (vgl. Merton) handelt. Meiner Grundannahme zufolge vollzieht sich der Etablierungsprozess von Menschen mit Migrationshintergrund in der Mehrheitsgesellschaft im Kontext der Bedürfnisverflechtungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten und der damit verbundenen Machtverteilung. Im Gegensatz zu den in der wissenschaftlichen und der gesellschaftlichen Diskussion dominierenden Definitionen von Assimilation und Integration, die vor allem Eingliederungsprozesse der Zugewanderten in die Gesellschaft und die damit verbundenen Adaptionsprozesse behandeln, schließt der Etablierungsbegriff die Dimensionen Gruppenzugehörigkeit und die damit einhergehende Anerkennung unter Berücksichtigung der Machtverhältnisse zwischen den Gruppen mit ein. Etablierungsprozesse werden nicht nur als Eingliederungsprozesse in neue Bezugsgruppen, sondern auch als Machtumverteilungsprozesse verstanden. Sie berücksichtigen damit explizit auch die dynamischen Entwicklungen zwischen den Bezugsgruppen. Auf die assimilative Phase der Adaption an die Einwanderungsgesellschaft folgt die emanzipatorische Phase, in der die zugewanderten Gruppen auch ihre eigenen Werte, Normen und Identitäten stärker öffentlich artikulieren und einbringen.

In der Etablierten-Außenseiter-Figuration in Vorarlberg entscheidet das Merkmal „Herkunft der Familie“ und die damit verbundene Wir-Gruppenzugehörigkeit über die Unterscheidung in Etablierte und Außenseiter. Dieses Merkmal ist besonders prägend, da es nicht gewählt oder erworben werden kann, sondern mit der Geburt verliehen wird. Es handelt sich also um eine kategoriale negative Klassifikation, die die Außenseiter aufgrund nicht wählbarer Merkmale abwertet und folglich eine Veränderung nur unter der Bedingung des Wandels des Interdependenzmusters und einer Machtumverteilung zulässt. Wie die von mir untersuchten Fallbeispiele zeigen, sind auch die aufgestiegenen und sozial, strukturell, kognitiv und identifikativ eingegliederten Pioniere/Pionierinnen der zweiten Generation noch vom Außenseiterstatus aufgrund ihrer Herkunft betroffen und erfahren im Alltag Statusunsicherheit, Ausgrenzungen und Diskriminierungen. In der Mehrheitsgesellschaft wird Assimilation und auch Integration noch immer mehrheitlich als Anpassung und Eingliederung verstanden. Die Integrationsdebatte wird durch die Vorstellung einer homogenen Mehrheitsbevölkerung geprägt, die in dieser Form gar nicht existiert. Was „ghörig“ ist und was nicht, wird in Vorarlberg von der machtstärkeren Gruppe der Einheimischen definiert. Die starke Gruppenkohäsion als Wir-Gruppe der „Vorarlberger“ und die damit verbundene soziale Kontrolle dient den etablierten Einheimischen zur Aufrechterhaltung ihrer Machtüberlegenheit.

Vor dem Hintergrund dieser Figuration versucht der Vortrag zu beschreiben, wie sich in den letzten 40 Jahren das Interdependenzmuster zwischen den Zugewanderten und den Einheimischen verändert hat und wie sich das in den Etablierungsprozessen der Zugewanderten und ihrer Nachkommen widerspiegelt.

Simon Burtscher

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AutorIn Momentum 2011-05-20 12:04:49