Belabed Alexander: Freier Welthandel und die aktuelle Krise – Perspektiven, Chancen und Risiken

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 5 „Freier Handel auf dem Prüfstand”

„Freier Welthandel und die aktuelle Krise – Perspektiven, Chancen und Risiken”

Im Angesicht der aktuellen Krise ist auch der Welthandel nicht ungeschoren davon gekommen. Protektionismus macht sich breit, nicht nur in den USA, wo Präsident Barack Obama mit dem Spruch „Buy American“ in die Schlagzeilen kam. Der Ausfall großer Banken als Kreditgeber für international tätige Unternehmen und Organisationen trägt seinen Teil dazu bei. Doch welche Auswirkungen hat die Krise tatsächlich auf den Welthandel? Welcher Situation sehen sich auch ArbeitnehmerInnen angesichts verstärktem Protektionismus ausgesetzt? Hilft freier (im Sinne von zoll- und gebührenfreier) Handel wirklich, den Staaten der südlichen Hemisphäre bei ihrer Entwicklung, oder ist das nur ein Ammenmärchen der mächtigen Industrienationen und der Welthandelsorganisation (WTO)?

Angesichts der historischen Ausmaße der aktuellen Krise soll nicht nur der Finanzmarkt und seine Funktion für die Realwirtschaft beleuchtet werden, sondern auch die Auswirkungen auf internationale Handelsströme, sowie Auswirkungen eines möglichst deregulierten Handelsmarktes auf lokale Produktionen, vor allem in Entwicklungsländern, aber auch in den Industrienationen. In den USA beispielsweise sinkt das Exportvolumen massiv ab, verursacht vor allem durch einen massiven Rückgang der Nachfrage nach Industrieprodukten wie folgende Grafik verdeutlicht. Dieser Rückgang verursacht schwerwiegende Probleme für Rohstoffexportierende Länder, die meisten davon so genannte Entwicklungs- und Schwellenländer wie Venezuela, Brasilien oder Nigeria. Folge dieser Einbrüche ist unter anderem die Entlassung hunderttausender in der Industrie beschäftigter Menschen, oder die Einführung von Kurzarbeit (z.B. Deutschland oder Österreich). Die internationale Arbeitsorganisation ILO warnt bereits vor drohendem Protektionismus und Abschottung der eigenen Märkte gegen Konkurrenz aus dem Ausland. Das hat vor allem in den Ländern der südlichen Hemisphäre weitreichende Auswirkungen. Traditionell ernährt ein Einkommen in Afrika mehr Menschen als in Europa. Fällt dieses Einkommen weg, trifft es ganze Familienverbände hart, warnt u.a. die ILO in Genf. Dazu kommen fehlende soziale Sicherungssysteme, die aufgrund der „Mehr Privat, weniger Staat“- Politik in den letzten 20 Jahren massiv ausgehöhlt oder abgeschafft wurden, sofern sie überhaupt bestanden haben.

Laut ILO sind es im Moment vor allem die Entwicklungsländer, die aufgrund ihrer mangelnden Vernetzung mit den Finanzmärkten der „westlichen“ Welt, die noch einigermaßen glimpflich davon kommen werden. Die Prognosen für Sub-Sahara-Afrika sind zwar niedriger als zuletzt, mit rund 5% Wirtschaftswachstum sind diese Länder allerdings noch weit im positiven Bereich2, während sowohl die USA als auch Europa in einer handfesten Rezession stecken. Hilft also gerade den ärmsten Ländern die mangelnde Vernetzung in dieser Situation? Welche Rahmenbedingungen braucht der Welthandel um allen direkt oder indirekt Beteiligten zu helfen? Welche Chancen bietet die aktuelle Wirtschaftskrise im Hinblick auf ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell?

Vor allem die letzte Frage erscheint angesichts der Erosionstendenzen wichtig. Globaler Handel sollte in erster Linie den ArbeitnehmerInnen dienen, und nicht den ohnehin mächtigen Industrienationen und deren Konzernen. Es braucht globale Standards in den Bereichen Bildung, Arbeitsstandards und -rechten und Umweltschutz. Das bisherige System der Welthandelsrunden und der WTO hat bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, alle am Kuchen teilhaben zu lassen. Nur mit einer neuen Strategie kann Welthandel fairer, sauberer und sowohl ökologisch als auch ökonomisch nachhaltiger werden.

Alexander Belabed

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AutorIn Momentum 2011-05-17 09:22:51