Becksteiner Mario, Reiter Florian und Elisabeth Steinklammer: Betriebsratsrealitäten

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track4&6 „Demokratische Antworten auf die Krise? Neue Arbeitswelt(en), Gewerkschaften und Wirtschaftsdemokratie”

„Betriebsratrealitäten – Betriebliche Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaft und BetriebsrätInnen im Kontext der Globalisierung

Zu Beginn des 21 Jahrhunderts erscheint es, als würden sehr viele Gewissheiten des „kurzen 20. Jahrhunderts“ (Eric Hobsbawm) nicht mehr gelten. Seit den 70iger Jahren können wir global beobachten, dass das gesellschaftliche Umfeld in dem der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Rahmen unterschiedlicher Modelle tripartistischer Konfliktregulation befriedet wurde, einem massiven Transformationsprozess ausgesetzt ist. Ursächlich wird dieser Transformationsdruck auf die krisenhafte Entwicklung des fordistischen Akkumulationsmodells zurückgeführt. In dieser Krise des Fordismus artikulieren sich sowohl ökonomische als auch gesellschaftliche Momente eines Erosionsprozesses, der beinahe alle Bereiche des Lebens umfasst. Dieser Übergang von mehr oder weniger ausgeprägten korporatistischen Wohlfahrtsstaaten hin zu sich zusehends internationalisierenden Wettbewerbsstaaten und Regimen, geht einher mit einer massiven Welle der Veränderung von Produktionsparadigmen, sowohl in Form von einer um sich greifenden Internationalisierung und Stratifizierung der Produktionsorganisation als auch durch den Einsatz neuer Managementpraxen. Es wird immer klarer dass diese Entwicklungen weitreichende gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben. Oskar Negt spricht in diesem Zusammenhang von einer „Erosionskrise“ (Negt in: Demirovic/ Kaindl/ Krovoza 2010). Doch mitnichten handelt es sich hier um eine quasi natürlich entstandene Entwicklung. Viel mehr stehen dahinter politisch strategische Entscheidungen, die vermittelt über Politik, Staat und unterschiedliche mächtige Kapitalfraktionen, einen Umbauprozess der einst fordistisch geprägten Gesellschaften in Gang gesetzt haben und noch immer in Gang setzen. Unter der Flagge des Neoliberalismus wurde ein grosser Umbau begonnen, der im Kern die Aktivierung aller zu Verfügung stehender Ressourcen, im Sinne eines global geführten Wirtschaftskrieges (vgl. dazu Hirsch 2008), zum Ziel hat. Kern dieser Offensive ist das Menschenbild des Homo Oeconomicus, welches den Menschen reduziert und psycho physisch zurichtet auf die Einsetzbarkeit bzw. Verwertbarkeit in diesem Wirtschaftskrieg. Sehr schnell wurde im Zuge der neoliberalen Offensive klar, das kollektive Intereswsensvertretung dieser Mobilisierung und Herstellung des Homo Oeconomicus Widerstand entgegensetzen könnte. Gewerkschaften kamen deshalb in den Fokus neoliberaler Strategen. Gewerkschaften, die immer auch den Kern einer Kraft bilden können um sich kollektiv gegen Tendenzen der Überausbeutung zu wehren, wurden global unter Druck gesetzt.

Dabei zeichneten sich unterschiedliche Entwicklungspfade dieser Druckstrategien ab: Von öffentliche Anprangerungen von Gewerkschaften als Modernisierungsgegner gekoppelt mit offener Repression gegenüber streikenden ArbeiterInnen, wie im Falle Großbritanniens unter Thatcher, bis hin zu subtileren Mitteln wie in Deutschland, wo durch die Entwicklung wettbewerbskorporatistischer Modelle, gekoppelt an die Aushöhlung der Flächentarifvertragsabdeckung, Gewerkschaften in die Defensive gedrängt wurden. Allen Druckstrategien, mit all den unterschiedlichen Facetten und Scales auf denen sie zum Einsatz kamen, ist allerdings gemein, dass es sich um eine Aufkündigung oder schrittweise Entwertung und/ oder Uminterpretation tripartistischer Modelle handelte. Ergebnis dieser Entwicklungen ist, dass sich das sozioökonomische Umfeld in dem Gewerkschaften heute agieren, sehr stark verändert hat. Damit entstanden für Gewerkschaften neue Herausforderungen. Nicht nur ist mit unterschiedlicher Intensität festzustellen, dass sich die gewerkschaftliche Organisationsdichte ausdünnt, sondern auch die ideologische Bindekraft zwischen Gewerkschaften und den Lohnabhängigen hat sich verändert. Die Wahrnehmung der krisenhaften Entwicklung der Gewerkschaftsbewegungen ist global gesehen ebenfalls nicht einheitlich. Allerdings ist festzustellen, das in immer mehr Gewerkschaften die Erkenntnis reift, das es sich um „tektonischen Verschiebungen“ handelt auf die dringend reagiert werden muss. Ein Ausdruck dieser Erkenntnisse ist die, nun schon global geführte, Debatte rund um „Union Renewal“. GewerkschafterInnen, gewerkschaftsnahe WissenschafterInnen und AktivistInnen aus gewerkschaftsnahen Bereichen der globalisierungskritischen Bewegung beteiligen sich an dieser Debatte. Kernfrage ist, wie Gewerkschaften angesichts der weitreichenden Veränderungen in der politischen Ökonomie des „real existierenden“ Kapitalismus gewährleisten können, dass sie nicht weiter an Einfluss verlieren und vielleicht wieder neue Offensivkraft auf Basis gewerkschaftlicher Erneuerung erreichen können.

Mario Becksteiner, Florian Reiter, Elisabeth Steinklammer

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AutorIn Momentum 2011-03-15 18:26:58