Bartel Rainer: Ebenen und Probleme der Solidarität: eine (weitgehend) ökonomische Sicht

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track 9 „Was ist Solidarität?”

„Ebenen und Probleme der Solidarität: eine (weitgehend) ökonomische Sicht

1. Solidarität und Freiheit
Solidarität ist ein weit verbreitetes Schlagwort. Nur, ist es auch ein Begriff, mit dem genaue inhaltliche Vorstellungen verbunden sind? Der hier verfolgte Denkansatz geht von Folgendem aus:

(1) Solidarität verbindet Stärke und Schwäche, nützt Stärke der einen für die Überwindung der Schwäche der anderen aus.

(2) Somit steht Solidarität grundsätzlich im Gegensatz zu Wettbewerb, lässt sich begriffsinhaltlich in Kooperation einfügen.

(3) Genauer genommen ist Solidarität eine Hilfestellung materieller (realer, finanzieller) oder ideeller Art.

(4) Die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Solidaritätsgeberinnen müssen nicht unbedingt mit denen der Solidaritätsnehmerinnen übereinstimmen, so dass Solidarität nicht unbedingt eine marktanaloge Tauschbeziehung, also keine strategische Allianz, sein muss.

(5) Solidarität kann also neben Strategie (mittelbare Einflussausübung auf andere zwecks künftiger Kooperation: tit for tat) auch durch Altruismus begründet sein (gutes Gefühl, Nutzen aus Über-Ich-Konformität). Die positive (erklärende, nicht unmittelbar empfehlende) Ökonomie tut sich aber relativ schwer mit der analytischen Erfassung von Altruismus (Simon 1993) und hilft bei der Fassung von Solidarität nicht sehr. Denn

a. Altruismus wird als einfach aufgeklärtes Eigeninteresse angesehen. Das ist nichts anderes als Harvey Leibensteins Selbstdisziplinierungsdruck, jene Eigenmotivation, welche Über-Ich-Zufriedenheit stiftet (Leibenstein 1966). Solidarität wird mithin geübt, wenn auch vielleicht nicht gern und auch wenn das Eigeninteresse nicht dominiert. Denn sie ist eben als Norm internalisiert worden.

b. Altruismus erhält aus dem Prinzip der (erhofften) Reziprozität altruistischer Handlungen eine individualistisch-rationale Ausrichtung. Hiermit ist bloß die intertemporale Nutzenmaximierung angesprochen. So lässt sich Solidarität wie eine Investition in ein geplantes, freilich aber unsicheres Tauschgeschäft sehen. In wiederholten „Spielen“ ist es u. U. nützlich, Reputation eines „good guy“ aufzubauen (Bofinger 2007, Kap. 4, 9).

c. Altruismus wird bloß durch das good feeling of doing it begründet, was einer inhaltlichen Begründung entbehrt. Damit wird der Solidaritätsbegriff beschnitten, auf die Maximierung des aktuellen Eigennutzens reduziert.

Die Ökonomie begründet Solidarität naturgemäß mit Eigennutzmaximierung. Also stellt sich die Frage, ob und was die positive (reine, „wertfreie“) Ökonomik und was die normative Ökonomik in konkreteren Einzelfällen zur Klärung von Solidarität beitragen kann.

Mit der normativen Ökonomik sind wir – v. a. im überindividuellen, metaökonomischen – Zielsetzungs- und Bewertungsbereich angelangt, auf der Ebene des Sozialen (i. w. S.). Hier wird die persönliche Meinung vertreten, dass es in säkularen, human(-istisch-)en, demokratischen Gesellschaften zentral um das Verhältnis zwischen der Freiheit der Selbstverwirklichung und der Regulierung des Sozialen geht, nämlich

a. auf individueller Ebene primär um die Befähigung, möglichst freie Entscheidungen für sich zu treffen,

b. auf kollektiver Ebene hauptsächlich um die Befähigung, soziale Entscheidungen (i. w. S.) möglichst effizient – zweckmäßig, effektiv und kostenwirtschaftlich – zu treffen.

Solidarität würde sich in diesem Licht als Empowerment, als Hilfe beim SelfEmpowerment, als Hilfe zur Freiheit, darstellen lassen. Folglich ist Solidarität auch so etwas wie Unterstützung des Widerstands gegenüber einer dem Dafürhalten nach illegitim oder sozial unzweckmäßig entwickelten Macht durch die Entwicklung einer entsprechenden Gegenmacht im Sinn von John Kenneth Galbraith (Bartel 1993). Solidarität umschließt somit auch den Bereich der Antidiskriminierung und positiven Diskriminierung – denn – inhaltliche, effektive, nicht formelle – Freiheit hat viele und starke, gut getarnte, heute v. a. neoliberale Feinde (Speth 2004).

a. Zum einen – die Grenzen betreffend – soll es möglich sein, sich selbstbestimmt zu verhalten, soweit die Folgen der Handlungen des oder der Einzelnen oder des konsensualen Verhaltens mit PartnerInnen niemand Dritte/n unmittelbar betreffen. Das beschreibt das Prinzip des Ausschlusses so genannter externer Effekte und gibt dem politischen Postulat der staatlichen Internalisierung externer Effekte die Basis. Im reinen Fall hätten wir es mit vollkommen öffentlichen Gütern zu tun (vollständige Externalitäten).

b. Zum anderen – die Möglichkeiten betreffend – soll Freiheit nicht bloß formell gesehen werden, um zu verhindern, dass bei bloß formeller Freiheit gesellschaftliche Strukturen jedweder Art die freie Entscheidung zu etwas implizit, aber einschränken. Scheinliberalität, wie jene des Neoliberalismus, behindert oder verhindert Selbstbefähigung und Befähigung (Bartel 2007).

Individuelle Freiheit (ohne Produktion negativer externer Effekte) und kollektive Freiheit in Gestalt von Machtbalancen, chancengerechter Entwicklungsförderung und sozialer Wohlfahrt erfordern eine Absage an den Neoliberalismus (Bartel et al. 2006). Das erleichterte ein Aufbrechen des Konservatismus und eine Umkehrung des wirtschaftsliberalen Reaktionismus zu Gunsten sozialen Fortschritts i. w. S. Daher ist Solidarität auch ein Mittel zur Förderung sozialliberaler (eben nicht neoliberaler) Programme. Resümierend ist zu sagen: Solidarität

a. lebt vom Unterschied,

b. wird von den Ausübenden als ethisch legitim und teleologisch notwendig
betrachtet,

d. richtet sich gegen jedwede als illegitim beurteilte Machtausübung,

e. ist ein – zum Wettbewerb diametrales – Unterfangen zur Annäherung an Gleichheit, das sich Empowerment, Antidikriminerung und positive Diskriminierung zuschreiben kann (obwohl Wettbewerb als Mittel zum Machtausgleich und zur sozialen Konvergenz gesehen wird),

f. ist als solches ein sozial-liberales Projekt gegen den Neoliberalismus,

g. beabsichtigt, die Position zumindest einer der beiden Solidaritätspartnerinnen mit der Aussicht auf mehr Gerechtigkeit zu verbessern,

h. und wird zuweilen – altruistisch – Wirklichkeit, selbst wenn dabei (und das ist der interessantere, weil heiklere Fall) die Solidaritätsgeberin sogar schlechter gestellt werden sollte, es sich also um (freiwillige) Umverteilung handelt.

Rainer Bartel

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AutorIn Momentum 2011-03-08 22:38:29