Bammer Doris, Völkerer Petra, Ziegler Petra: Prekarisierung und (Über-)Lebensstrategien

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 9 „Armutsbekämpfung: Von Mindestsicherung bis Grundeinkommen”

„Prekarisierung und (Über-)Lebensstrategien”

Die Begriffe „Prekarisierung – Prekarität – Prekariat“ wurden in den letzten Jahren häufig verwendet, oft ohne eine Unterscheidung zwischen den Begriffen vorzunehmen oder sich mit ihrer spezifischen Bedeutung auseinanderzusetzen. Prekarisierung steht für einen sozialen Prozess, der durch die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses auf alle Erwerbstätigen zurückwirkt. Die permanente Gefährdung der materiellen Existenz durch nicht Existenz sichernde Entlohnung und fehlende soziale Absicherung sowie die damit einhergehende Unmöglichkeit jeglicher längerfristigen Lebensplanung sind vor allem für die Beteiligten ein entscheidender Aspekt der Prekarisierung.

Robert Castel1 beschreibt den Prozess der Fragmentierung und Segmentierung, indem er von einer Spaltung der Arbeitsgesellschaft in mehrere Zonen spricht: Die Zone der Integration, die Zone der Prekarität und die Zone der Entkoppelung. Die Zone der Integration umfasst die verbleibenden geschützten Arbeitsverhältnisse, die sogenannten „Normalarbeitsverhältnisse“, die sich durch unbefristete Vollzeit- oder (gut bezahlte) Teilzeitarbeit auszeichnen. Doch bereits in dieser Zone der Integration, welche das höchste Maß an Sicherheit bietet, finden sich Arbeitnehmer/innen, die sich um einen möglichen sozialen Abstieg in die Zone der Prekarität sorgen. Zu dieser expandierenden Zone der Prekarität, die zwischen der Zone der Integration und der Zone der Entkoppelung liegt, zählt die Vielzahl nicht dauerhaft Existenz sichernder und jederzeit kündbarer Beschäftigungsverhältnisse. Dazu gehören Zeit- und Leiharbeit, abhängige Selbständigkeit, befristete Beschäftigung, Gelegenheitsjobs genauso wie reguläre Beschäftigungsverhältnisse mit Armuts- und Niedriglöhnen. Die prekär Beschäftigten befinden sich in einer „eigentümlichen Schwebelage“: Einerseits bemühen sie sich um Anschluss an die Zone der Integration, andererseits droht ihnen der dauerhafte Absturz in die Zone der Entkoppelung. Die vielfältigen Formen informeller Arbeit markieren den Übergang zur Zone der Entkoppelung. Diese schließt an die Zone der Prekarität an und beinhaltet alle, die dauerhaft von regulärer Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind.
Innerhalb dieser drei Zonen werden von Brinkmann et al. (2006) neun Typen der (Des-)- Integration durch Erwerbsarbeit unterschieden, wobei sich zeigt, dass prekäre Arbeitsverhältnisse ein hohes Desintegrationspotenzial enthalten. Dauer und Entlohnung der Beschäftigung fallen dabei eine wichtige Rolle zu, da nicht Existenz sichernde Entlohnung und befristetes Arbeiten eine längerfristige Lebensplanung verunmöglichen. Prekär Beschäftigte erfahren aber nicht nur einen materiellen Mangel, Anerkennungsdefizite ihrer Arbeit führen zu einer Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen, wodurch ihre Desintegration noch verstärkt wird. Die Verallgemeinerung sozialer Unsicherheit reicht bis in die Zone der Integration. „Die Prekarisierung wirkt desintegrierend und zugleich als disziplinierende Kraft. Sie ist ein Macht- und Kontrollsystem, dem sich in den gespaltenen Arbeitsgesellschaften auch die formal Integrierten nicht zu entziehen vermögen.“

Gerade diese persönliche Betroffenheit wird im Rahmen des Forschungsprojekts „Prekarisierung und (Über-)Lebensstrategien“, gefördert von der Hochschuljubiläums- stiftung der Stadt Wien, untersucht. Einerseits sollen Daten zu prekärer Beschäftigung in Österreich erhoben, andererseits Auswirkungen von prekären Beschäftigungs- verhältnissen auf die Lebensgestaltung und persönliche Überlebensstrategien aufgezeigt werden. Zentrale Fragen sind dabei, wie viele Personen, nach branchen-, gender- und migrationsrelevanten Faktoren, in Österreich atypisch beschäftigt sind und inwiefern diese Beschäftigungsverhältnisse eine Prekarisierung der Lebensverhältnisse nach sich ziehen. Weiters werden Risikofaktoren abgeleitet sowie (Über-)Lebensstrategien von prekär Beschäftigten in den drei Zonen (Integration, Prekarität und Entkopplung) aufgezeigt.

Als Ausgangspunkt unserer Forschung dienen die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von Brinkmann et al. (2006) aus Deutschland sowie die Untersuchung von Chantal Magnin (2005) zu den Folgen prekärer Beschäftigung auf Lebensverhältnisse in der Schweiz. Die darin vorgestellten Thesen werden für unser Forschungsvorhaben kritisch übernommen und für den Wiener Raum adaptiert.

Drei qualitative Interviews mit adäquate/n Probanden/innen aus der „Zone der Integration“, der „Zone der Prekarität“ sowie der „Zone der Entkopplung“ werden im Raum Wien geführt und dienen als exemplarische Fallstudien. Im Rahmen einer Literaturanalyse werden theoretische Konzepte und unterschiedliche Zugänge zum Thema präsentiert und mit Hilfe einer Sekundärdatenanalyse werden Daten zum Ausmaß prekärer Beschäftigung erhoben, welche die exemplarischen Fallstudien in einen objektiven Kontext einbetten.

Ziel des Forschungsvorhabens ist, neue Erkenntnisse über die Probleme von Prekarisierung im Hinblick auf persönliche Lebensqualität und Lebensplanungen zu gewinnen, eine gesellschaftspolitische Diskussion zum Thema anzustoßen und Bereiche für politischen Handlungsbedarf aufzuzeigen.

Doris Bammer, Petra Völkerer, Petra Ziegler

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Beitrag_Bammer_Völkerer_Ziegler (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-12 13:36:54