Ausserhofer Julian: Bringt uns das Internet mehr Gleichheit? Von technikdeterministischen Utopien, Dystopien und deren Überwindung

26. Jul 2011

Ob Informationsgesellschaft oder Digital Divide, ob Wisdom of the Crowds oder Social-Web-Blase: Die Diskussionen rund um die Entwicklungen und Konsequenzen des Internet sind geprägt von dichotomen Positionen, die sich zumeist als absolut und miteinander unvereinbar erweisen. Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte erlangen diejenigen, die Radikalperspektiven einnehmen, die das Internet als Heilsbringer abfeiern oder als Untergangskatalysator deklassieren. Nicht anders verhält es sich bei der in diesem Beitrag zu behandelnden Frage, ob uns das Internet mehr Gleichheit bringt. Auch hier stehen sich diverse Utopie- und Dystopiepositionen gegenüber, die im Folgenden vorgestellt und eingeordnet werden. Ich beziehe mich dabei exemplarisch sowohl auf Diskussionen innerhalb der Internetforschung als auch auf Diskurse in Massenmedien wie auch in sozialen Medien.

Gleichheit mit dem Internet in Beziehung zu setzen, heißt zunächst Gleichheit zu dimensionieren. Denken wir Gleichheit in einer gesamtgesellschaftlichen Dimension, dann befinden wir uns rasch im Fahrwasser der Frage, ob uns das Internet aufgrund seiner egalitären Architektur mehr Demokratie und Zugang zu Wissen bringt. Beispielhaft abgehandelt wurde dies unlängst im Disput von Shirky/Morozov, die sich über die Rolle von Sozialen Medien und Technologien in Revolutionen stritten. Auf einer Mesoebene zeigt sich ein Gleichheitsdiskurs etwa bei der Frage, welche Rolle das Netz bei der Ausprägung von interessenszentrierten Communities und themenfokussierten Öffentlichkeiten spielt. Hier reflektiere ich unter anderem die Forschung von Axel Bruns („Produsage“).

Nach der Gegenüberstellung dichotomer Positionen auf der Makro- und Mesoebene, gilt es auf der Mikroebene eine befriedigende Antwort auf die thematische Leitfrage zu finden, die sich abseits von von Extremargumenten positioniert. Fakt ist – und das wird besonders auf einer Mikroebene evident -, dass Positionen in Internet-Gleichheitsdiskursen stets ein technik- oder sozialdeterministisches Element aufweisen. Bereits die Frage “Bringt uns das Internet mehr Gleichheit?” impliziert indirekt eine Ursache-Wirkung-Relation von “Internet” und “Gleichheit”, die sich empirisch nicht nachweisen lässt. Es ist nicht das Internet, das mehr Gleichheit (oder etwas anderes) bringt, ebenso wie es nicht die Menschen sind, die durch Benutzung des „Werkzeugs“ Internet Gleicheit (oder eben etwas anderes) herbeiführen. Vielmehr lassen sich Verantwortungen und Ursächlichkeiten nicht an einzelnen Menschen, Bewegungen oder Technologien festmachen. Nicht nur Personen, auch Technologien verfügen über Handlungspotenzial, das sich immer nur lokalisiert nachweisen lässt. Ganz im Sinne von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie ist ein Hybride auch für Gleichsetzungen und Unterschiedlichkeiten verantwortlich. Bei diesem Hybriden handelt es sich um ein Akteur-Netzwerk, das sich aus menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten zusammensetzt: aus Servern und Gesetzestexten, aus Netzwerkadministratorinnen und Twitter-Usern und vielen, vielen mehr… Sie alle arbeiten zusammen und helfen dabei, Gleichheit herzustellen oder zu verhindern.


Literatur (Auswahl):

Brockman, John: Digital Power and its Discontents. Im Internet: http://www.edge.org/3rd_culture/morozov_shirky10/morozov_shirky10_index.html.

Gladwell, Malcolm: Small Change Why the revolution will not be tweeted. Im Internet: http://www.newyorker.com/reporting/2010/10/04/101004fa_fact_gladwell.

Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt am Main 2007 [2005].

Latour, Bruno: Über technische Vermittlung: Philosophie, Soziologie, Genealogie. In: ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Hg. v. Andréa Belliger und David J. Krieger. Bielefeld 2006. S. 483-528.

Otto, Isabell: Das Soziale des Social Web. Erkundungen in Wikipedia. In: Sprache und Literatur 104 (2009). S. 45-57.

[1] http://twitter.com/boomblitz

[2] http://wll.fh-joanneum.at

[3] http://fh-joanneum.at/jpr

[4] http://politcamp.at

[5] http://Internetforschung.univie.ac.at

[6] http://gov.opendata.at

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AutorIn Momentum2011 2011-10-12 17:49:50

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AutorIn Momentum2011 2011-07-26 13:09:00