Aumair Betina, Wenzel Antonia: Die Freiheit aller Menschen – Vom Versprechen der Freiheit und seiner Nichterfüllung.

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 2 „Recht und Geschlecht”

„Die Freiheit aller Menschen – Vom Versprechen der Freiheit und seiner Nichterfüllung. Über den Ein- und Ausschluss von Frauen an der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe während und nach der französischen Revolution.”

„Die Menschen werden frei geboren und bleiben einander gleich in allen Rechten.“ (erster Artikel der Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789)

„Der versklavte Mann hat seine Kräfte vervielfacht. Er hat eurer Kräfte bedurft, um seine Ketten zu brechen. Nun er frei ist, ist er ungerecht gegen seine Gefährtin geworden. O Frauen! Frauen, wann hört ihr auf, blind zu sein? Welches sind die Vorteile, die ihr in der Revolution gewonnen habt?“ (Olympe de Gouges, siebzehnter Artikel der Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791)

Revolutionen stellen Brüche in geschichtlichen und politischen Abläufen dar, die für eine Gesellschaft vielfach Möglichkeiten einer Umgestaltung bieten. Die französische Revolution als solche hätte ein Bruch für die Frau sein können, der ihre Partizipation an öffentlichen Angelegenheiten ermöglichte und somit sowohl die Geschlechterrollen als auch die Beziehung der Geschlechter zueinander hätte ändern können. Verwirklichungsmomente dafür wären der revolutionäre Akt an sich, die Erklärung der Menschenrechte und die Geburt der Demokratie gewesen.

Unser Forschungsinteresse als Genderwissenschaftlerinnen bezieht sich auf die Revolution als Gründungsmoment der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Gestaltung von Freiheit für Frauen und deren Auswirkungen auf die Gegenwart. Dabei sind zwei Fragen besonders zentral:

1. Welche Rolle spielen Frauen während der Revolution und welche werden ihnen im Anschluss an sie zugewiesen?

2. Wie ließ und lässt sich Forderung der Menschenrechte auf Freiheit und Gleichheit aller Menschen mit der er tatsächlichen Unfreiheit der Frauen vereinbaren?

Nicht nur bei der französischen Revolution trugen Frauen einen großen Teil zu ihrem Erfolg bei. Es ist ein wiederkehrendes Phänomen, dass Frauen für die Dienste der Revolution instrumentalisiert werden. Unmittelbar nach der Revolution erfolgt allerdings wieder ein Ausschluss der Frauen an der politischen und gesellschaftlichen Partizipation. Dieser Ausschluss wird durch die verschiedensten Argumente auf Seiten der Männer begründet. So hätten Frauen aktiv zur Korruption und zum Sturz des Ancien Régimes beigetragen, wie die querelle-Debatte in Europa des (nicht nur) 18. Jahrhunderts zeigt, ihre Macht sei zu groß gewesen, ja selbst ihre aktive Teilnahme an der Revolution wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Der Wandel der gesellschaftlichen Struktur von einer absolutistischen in eine demokratische „begründete“ noch weitere Argumente für die Ausgrenzung der Frau aus der res publica, wie die Angst davor, dass durch die für Frauen und Männer geltende Gleichberechtigung sich Frauen den Männern anpassen würden und sich intellektuellen Aufgaben zuwenden würden und so das Sexualleben – und somit die Fortpflanzung – darunter zu leiden hätte.

Im Anschluss an die Revolution etablierte sich die Normierung eines „bürgerlichen Weiblichkeitsideals“ (Christadler 1990), dessen Gültigkeit nach wie vor nicht zu leugnen ist. Der öffentliche Raum wurde durch den privaten erweitert. Spielte sich vor der Französischen Revolution noch ein Großteil des privaten Lebens auf der Straße ab, wie die Kindererziehung zum Beispiel – damit einher ging auch eine größere Präsenz der Frau in der Öffentlichkeit – wurde dies nach der Revolution immer mehr in einen eigenen, abschlossen Raum, dem Häuslichen, verschoben. Gleichzeitig erfolgte auch eine Vergeschlechtlichung der Räume, das Öffentliche wurde zunehmend zum Politischen und somit den Männern einbeRAUMt, das Häusliche wurde der Raum des Privaten, des Familiären und war Teil des weiblichen Waltungsbereiches. Paradox dabei ist, dass den Frauen einerseits aus Moral- und Vernunftgründen eine Teilhabe am Politischen und Gesellschaftlichen verwehrt wurde, sie andererseits für die sittliche und moralische Erziehung der Kinder zuständig gemacht wurde.

In diesem Beitrag soll einerseits jenen Spuren nachgegangen werden, die den Frauen trotz der guten Vorbedingungen den Zugang zum demokratischen Raum und somit zu einer den Männern gleichgestellte Freiheit verweigerten, andererseits auch jenen, deren Abdrücke noch in der heutigen Zeit zu sehen sind, wie die Zuschreibung und Verortung der Frau in den privaten/häuslichen Raum, die ihren Ursprung in der Teilung des vorhanden Raumes in einen öffentlichen-männlichen und privaten/häuslichen-weiblichen nahm. Dabei soll die Rolle der Frauen während der Französischen Revolution untersucht werden, Hypothesen darüber aufgestellt werden, warum Frauen von der postulierten Freiheit für alle Menschen ausgeschlossen worden sind und die Weiterführung der Freiheitseinschränkungen für Frauen nach der Revolution aufgezeigt werden.
Im Zentrum steht dabei das (männliche) Verständnis von politischer Freiheit, das mit der Revolution und der Entstehung der Menschenrechte einen Höhepunkt erreicht und die weibliche Abhängigkeit im 18. und 19. Jahrhundert, die trotz mancher Einsprücher (auch von männlicher Seite, vgl. Mill/Taylor: Die Hörigkeit der Frau) in dem nachrevolutionären Gesellschaftsentwurf ihren Ausgang nimmt.

Betina Aumair, Antonia Wenzel

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AutorIn Momentum 2011-05-16 22:29:08