Allgäuer Alicia: Migration zwischen „Multikulti“-Gesellschaft und Gleichheitsforderungen

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„Migration zwischen „Multikulti“-Gesellschaft und Gleichheitsforderungen”

Multikulturalismus war lange Zeit das Zauberwort in Migrations- und Integrationsdebatten, vor allem links-liberaler Prägung. Damit wird das Nebeneinander-Existieren verschiedener, als in sich homogen imaginierter „Kulturen“ bezeichnet, welche durchaus „als Bereicherung des eigenen Speisezettels“ gesehen werden, solange die Berührungspunkte kulinarischer oder folkloristischer Art bleiben. Scharfe Kritik am „Multikulti“-Menschen übt auch Seyran Ates, die den „Multikultis“ Verantwortungslosigkeit vorwirft, da sich diese lediglich in einer „unverbindlichen Toleranz gegenüber anderen Kulturen üben“ würden, solange ihre eigenen Lebenswelten davon unberührt blieben. Solch eine Einstellung trage schließlich zur Bildung von „Parallelgesellschaften“ bei, sei Mitschuld an der „gescheiterten Integration“ vieler Menschen (wobei sie Integration sozusagen als individuelle Verschmelzung der verschiedenen kulturellen Einflüsse und Hintergründe sieht), ebenso wie daran, dass „Ehrenmorde“ und ähnliche Verbrechen gegen Frauen in Deutschland lange Zeit verschwiegen wurden.

Dabei findet das Konzept des Multikulturalismus auch bei der so genannten „Neuen Rechten“, welche „rassische“ durch kulturalistische Argumente ersetzt, großen Anklang. Jedoch auch die ausschließlich positive Bezugnahme auf bzw. Verteidigung von bestimmten Gruppen bedeutet nicht, antirassistisch zu agieren, im Gegenteil: „MigrantInnen werden in dieser Sichtweise nicht als Mitglieder der eigenen Gesellschaft behandelt und damit auch politisch ernst genommen, sondern ebenfalls als „anders“ betrachtet. Das multikulturalistische Othering belegt „den Anderen“ lediglich positiv, während ihn der Rassist negativ belegt. Beides ist projektiv und macht „den Anderen“ erst anders bzw. konserviert dieses Anderssein.“

Interkulturalismus entstand als Kritik am gescheiterten Konzept des Multikulturalismus, ist allerdings in der deutschsprachigen Debatte noch recht wenig verankert. VertreterInnen dieses Ansatzes stellen einerseits das Miteinander und voneinander Lernen sowie die Auflösung der Dualitäten von „wir“ und „andere“ in den Vordergrund, andererseits wird auch die Aufnahmegesellschaft selbst in die Verantwortung genommen. Ob der Ansatz eher zu gleichen Chancen, Rechten und Lebensbedingungen aller in einer Gesellschaft Lebenden führen kann, hängt vor allem von dessen konkreter (trotzdem selbstkritisch bleibender) Umsetzung ab.Der fast schon inflationär gebrauchte, jedoch selten definierte Begriff der Integration kann somit nur als multidirektionaler Prozess, der alle Mitglieder einer Gesellschaft, nicht nur die MigrantInnen, umfasst, funktionieren.

Die kritische Beleuchtung dieser Konzepte soll Ausgangspunkt des Diskussionsbeitrags sein, der mit konkreten Beispielen und Überlegungen aus meiner Forschungsarbeit zu bolivianischen MigrantInnen in Südspanien angereichert und unterlegt werden soll.

Dabei soll es auch darum gehen, grundsätzliche Fragen zu diskutieren: Wie sehr sind wir überhaupt bereit, uns auf Menschen aus “anderen Kulturen” einzulassen, ohne diese eben nur als Bereicherung des Speisezettels oder der CD-Sammlung zu betrachten? Am Wiener Brunnenmarkt einkaufen und im “Kent” essen zu gehen, gehört schon zum Lebens- und Konsumkonzept der sich als aufgeschlossen und “multikulti” verstehenden jungen Mittelklasse. Die eigenen Kinder in einem von MigrantInnen und – damit scheinbar automatisch verknüpfter – Kriminalität geprägten Stadtviertel aufwachsen zu lassen, jedoch nicht. Geht es überhaupt um “andere Kulturen” und was ist damit genau gemeint? In Österreich spielt die Sprache eine große Rolle bei der Definition von “Andersartigkeit”, in Spanien z.B. werden BolivianerInnen als “Andere” konstruiert, obwohl sie dieselbe Sprache sprechen. Und Schwarze zu verprügeln scheint in Österreich nur dann nicht entschuldbar zu sein, wenn es sich um hochqualifizierte Arbeitskräfte handelt. Diese Beobachtungen legen nahe, dass es eigentlich überhaupt nicht um so genannte “kulturelle” Unterschiede geht, die letzlich in ihrer zur Abgrenzung verwendeten Form Homogenisierungen und Konstruktionen darstellen, sondern eher um politökonomische Fragen, also Klassenfragen: Mittellose, ArbeiterInnen, ArbeitsmigrantInnen werden als “die Anderen” konstruiert und von allgemeinen Gleichheitsansprüchen ausgeschlossen, während so genannte hochqualifizierte Beschäftigte in die EU geholt werden sollen. Dabei zeigt schon die begriffliche Unterscheidung zwischen “Immigranten”/“Asylanten”/”Ausländern” etc. auf der einen und “Expats”/”Reisende”/Internationals” etc. auf der anderen Seite in “erwünscht” und “unerwünscht” einteilt.

Alicia Allgäuer


Dokumente zum Download

Beitrag_Allgäuer (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-20 12:01:12