Huber Jakob, Hubmann Georg: Umstrittene Gleichheit

26. Jul 2011

(Un-)umstrittene Gleichheit

Von den vier sozialdemokratischen Grundwerten Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität bereitet die Gleichheit wohl die größten Schwierigkeiten.

Einerseits ist Gleichheit ein umstrittenes Konzept: Gleichheit wird von diversen konservativen und elitären Weltanschauungen schlicht abgelehnt und offensiv bekämpft. Zuweilen machen sich diese Bemühungen auch im Alltagsdiskurs (z.B. als die Rede von „Gleichmacherei“) bemerkbar und Ungleichheit wird zum Wert hochstilisiert (z.B. große Einkommensunterschiede in einer Wettbewerbsgesellschaft als Voraussetzung für Leistungsbereitschaft).

Andererseits könnte man aus genau diesen Gründen ebenso argumentieren, dass Gleichheit der einzige unumstrittene der Sozialdemokratie zuordenbare Grundwert ist: Denn Freiheit ist jedenfalls auch sinnstiftend für (liberal-)Konservative. Gerechtigkeit als solche und Solidarität als Nächstenliebe sind Werte die auch in der christlichen Soziallehre ihren fixen Platz haben und genauso in anderen konservativen Denktraditionen eine Rolle spielen. Hingegen spielt die Gleichheit nach Einschätzung der Autoren in keiner bedeutenden konservativen Denkschule eine wichtige Rolle.

Ausgehend von dieser Paradoxie soll im geplanten Beitrag versucht werden, das Verhältnis der Gleichheit zu den anderen sozialdemokratischen Grundwerten und die spezielle Rolle der Gleichheit für „Hegemoniearbeit“ zu untersuchen.

Die Arbeitshypothese lautet, dass die Haltung zu Gleichheit gewissermaßen die „Gretchenfrage“ ist, die darüber entscheidet, ob man eher zu fortschrittlichen oder konservativen Freiheits-, Gerechtigkeits- und Solidaritätsbegriffen tendiert.

Die Untersuchung gliedert sich in drei Abschnitte:

I Gleichheit in der Geschichte

Welche Rolle spielte die Gleichheit als Wert und Forderung an ausgewählten Wegmarken der Geschichte ab der Französischen Revolution? Inwiefern hat sich die Konstruktion der Gleichheit durch Errungenschaften wie das allgemeine Wahlrecht oder dem Aufbau des Sozialstaates und der Lohnpolitik verändert?

Die zu untersuchende These lautet, dass Gleichheit im Verlauf der Geschichte von einem kollektiven zu einem individuellen Anliegen wurde, bei dem es verstärkt darum geht, dass sie nach oben hin eingefordert und nach unten abgelehnt wird.

II Gleichheit in der sozialdemokratischen Grundsatzprogrammatik

Inwiefern wird Gleichheit von der Sozialdemokratie noch aktiv gefordert? Diese Frage wird vor dem Hintergrund des Verfalls des kollektiven Anspruchs der Gleichheit im avisierten Beitrag behandelt. Dazu soll die Verwendung und Definition des Begriffs in Programmen sozialdemokratischer Parteien untersucht werden. Um die Auswirkung des „neoliberalen Turns“ auf den Umgang mit der Gleichheit herauszuarbeiten Grundsatzprogramme der deutschen, österreichischen und schweizerischen Sozialdemokratie vor dem Wahlsieg Thatchers mit den aktuellen verglichen.

Die zu untersuchende These lautet: Die veränderte Verwendung des Wertes Gleichheit ist Bestandteil eines ideologischen Rückzugsgefechts, das sich sowohl in den abstrakten Präambeln als auch in konkreten Themenfeldern der Programmatik bemerkbar macht.

III Praxis: Gleichheit in ausgewählten Politikfeldern

Um das grundsätzliche Bild zum Umgang mit der Gleichheit in der Sozialdemokratie zu verfeinern, wird in drei konkreten politische Themen nochmals ein praktischer Blick auf die Verwendung des Begriffs der Gleichheit geworfen:

  • Bildung und der Begriff der Chancengleichheit
  • Geschlechter und der Begriff der Gleichberechtigung
  • Vermögens- bzw. Einkommensverhältnisse und der Begriff der Verteilungsgerechtigkeit

Rund um diese drei Felder der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wird analysiert, ob und in welchem Ausmaß konkrete politische Erfolge im Sinne von mehr Gleichheit in der Gesellschaft erreicht werden konnten.

Dokumente zum Download

Huber_Hubmann_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 13:08:29